IT im Notariat: Zwischen Siegellack und Zero Trust

Wie sich die IT Betreuung eines Notars von dem eines normalen Büros unterscheidet
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IT im Notariat: Zwischen Siegellack und Zero Trust

Author
Philipp Krey
Lesezeit
7 mins
Publiziert
March 2026

Ein Notar in Berlin hat uns letztes Jahr angerufen, weil seine Notarfachangestellte seit zwei Stunden keine Registeranmeldung mehr absenden konnte. Die Fehlermeldung war nichtssagend, der bisherige IT-Dienstleister hatte am Telefon empfohlen, den Router neu zu starten. Hatte sie. Dreimal. Das Problem war kein Router. Das Zertifikat für den VPN-Tunnel zum Notarnetz war drei Tage zuvor abgelaufen, und niemand hatte das Datum im Kalender.

Für eine fristgebundene GmbH-Gründung ist das nicht bloß ärgerlich.

Solche Geschichten hören wir häufiger, seit wir Notariate betreuen. Der gemeinsame Nenner ist fast immer derselbe: Der IT-Dienstleister kennt Windows, kennt Office, kennt vielleicht noch Exchange. Aber XNP, qualifizierte elektronische Signaturen, Notarnetz? Davon hat er noch nie gehört. Und warum sollte er auch. Das ist eine Welt, die es sonst nirgends gibt.

Drei Dinge, die ein Notariat von einem Büro unterscheiden

Das Notarnetz ist das offensichtlichste. XNP verbindet das Notariat mit der Bundesnotarkammer, mit den Handels- und Vereinsregistern, mit dem elektronischen Rechtsverkehr. Die Anbindung läuft über VPN-Tunnel mit spezifischen Parametern und Zertifikaten mit fester Laufzeit. Läuft ein Zertifikat ab, bricht die Verbindung komplett ab. Kein teilweiser Ausfall, kein Workaround. Der gesamte elektronische Rechtsverkehr steht. Registeranmeldungen, Urkundenübermittlung, alles.

Bei einem normalen VPN-Zugang zum Firmennetzwerk lässt sich das am nächsten Werktag klären. Bei einer Registeranmeldung mit Frist nicht.

Dann die qualifizierten elektronischen Signaturen. Die Kombination aus Signaturkarte, Kartenleser und Software klingt in der Theorie simpel. In der Praxis hat jeder Kartenleserhersteller eigene Treiberversionen, und ein Windows-Update kann dafür sorgen, dass morgens die Signatur nicht mehr funktioniert, die gestern noch ging. Wir haben das mehrfach erlebt, und jedes Mal war der erste Verdacht ein Defekt der Signaturkarte. War er nie. Es war immer ein Treiberproblem nach einem automatischen Update.

Wenn die Signaturkarte selbst abläuft, weil die Beantragung der neuen zu spät eingeleitet wurde, steht der elektronische Rechtsverkehr still. Die Vorlaufzeit für eine neue Karte beträgt mehrere Wochen.

Und die Daten. In einem Notariat liegen Testamente, Immobilienkaufverträge, Gesellschaftsverträge, Eheverträge, Erbverträge, Vorsorgevollmachten. Das ist eine andere Kategorie als Kundenlisten oder Projektdaten. Das Bekanntwerden eines einzigen Dokuments kann finanzielle und persönliche Konsequenzen haben, die sich nicht reparieren lassen. Die Vertraulichkeitspflicht ergibt sich direkt aus der Bundesnotarordnung. Sie ist nicht verhandelbar, sie ist nicht abgestuft, sie ist absolut.

Was gerade im Umbruch ist

Videobeurkundungen sind seit dem DiRUG möglich. Die digitale GmbH-Gründung per Videokonferenz passiert bereits. Stabile Bandbreite, verschlüsselte Übertragung, revisionssichere Aufzeichnung. Anforderungen, die viele Notariate mit ihrer bestehenden Infrastruktur nicht abdecken. Wir haben bei einem Notariat erlebt, dass der erste Videobeurkundungsversuch an einer asymmetrischen DSL-Leitung scheiterte, deren Upload für eine stabile Videoübertragung nicht ausreichte. Das fällt bei der täglichen Arbeit nicht auf, weil E-Mails und Registerverkehr wenig Upload brauchen. Eine Videokonferenz schon.

Die Bundesnotarkammer aktualisiert das XNP laufend. Neue Schnittstellen, geänderte Sicherheitsanforderungen, gelegentlich geänderte Konfigurationsparameter. Nach einem XNP-Update muss die lokale Konfiguration überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Wer das nicht tut, merkt es spätestens beim nächsten Verbindungsversuch.

Die Datenschutzaufsicht hat begonnen, freie Berufe stärker in den Blick zu nehmen. Bisher wurden Notariate selten geprüft. Ein unverschlüsselt per E-Mail versendeter Vertragsentwurf, eine verlorene USB-Festplatte, ein Zugriff über ein ungesichertes WLAN im Besprechungsraum. Alles schon vorgekommen. Die Folgen gehen über Bußgelder hinaus.

Was technisch stehen muss

Wir betreuen nicht die Fachanwendung, das ist Sache des Herstellers. Wir betreuen die Plattform darunter. Auf der Infrastrukturebene ähneln sich die Systeme übrigens stärker, als die Hersteller es darstellen: Alle brauchen eine performante Datenbank, ein sauberes Netzwerk, ein funktionierendes Backup. Die spezifischen Unterschiede liegen in der Anwendungsschicht, nicht in der Infrastruktur.

Eine Business-Firewall. Nicht verhandelbar. Gäste-WLAN im Besprechungsraum und Notariatsnetz im selben Segment ist ein Sicherheitsvorfall, der nur noch keiner geworden ist. Netzwerksegmentierung trennt das, was getrennt gehört.

Backup mit Offsite-Kopie und Restore-Test. Ein Datenverlust im Notariat ist berufsrechtlich relevant. Tägliche Sicherung, verschlüsselte Kopie außer Haus, und regelmäßig prüfen, ob sich die Daten auch tatsächlich wiederherstellen lassen. Ein Backup, das nie getestet wurde, ist eine Hypothese.

Und jemand, der Laufzeiten im Blick hat. VPN-Zertifikat für XNP, Signaturkarte, SSL-Zertifikat der Kanzleiwebsite, TLS-Zertifikat des Mailservers. Jedes hat ein Ablaufdatum. Keines kündigt sich von selbst an. Wenn niemand eine Liste pflegt, kommen die Probleme pünktlich.

DaPhi

Wir betreuen IT für Branchen, in denen Ausfälle den Betrieb nicht nur stören, sondern lahmlegen. Hotels, Arztpraxen, Senioreneinrichtungen. Und eben Notariate. Wir haben kein Zertifikat, das uns als Notariats-IT-Spezialisten ausweist. Was wir haben: tägliche Erfahrung mit VPN-Konfigurationen, Zertifikatsmanagement, Netzwerksegmentierung und dem Betrieb sensibler Infrastrukturen. Hardware, Software und Lizenzen über DaPhi. Von der Firewall bis zur Signaturkarte, von der Microsoft-Lizenz bis zum Kartenterminal.

Typische Fragen

Welche IT-Ausstattung braucht ein Notariat? Server für die Notarsoftware, Business-Firewall mit Segmentierung, VPN-Anbindung ans Notarnetz, qualifizierte elektronische Signatur, Backup mit Offsite-Kopie, Monitoring für Zertifikatslaufzeiten und Backup-Status.

Was passiert, wenn das XNP-Zertifikat abläuft? Der Zugang zum Notarnetz bricht ab und damit stehen Registeranmeldungen, Urkundenübermittlung und elektronischer Rechtsverkehr bis ein neues Zertifikat konfiguriert ist.

Betreut DaPhi AnNoText oder Notar.PLUS? Wir betreuen die Infrastruktur darunter: Server, Datenbank, Netzwerk, Backup. Bei Störungen klären wir, ob das Problem auf Infrastruktur- oder Anwendungsebene liegt, und koordinieren uns mit dem Hersteller.

Welche IT-Sicherheitsanforderungen gelten speziell für Notariate? Die Bundesnotarordnung verlangt den Schutz der Vertraulichkeit. Technisch: Verschlüsselung, Zugangskontrollen, Segmentierung, dokumentierte Prozesse. Dazu DSGVO.

Was braucht ein Notariat technisch für Videobeurkundungen? Stabile Leitung mit ausreichendem Upload, Kamera und Mikrofon in geeigneter Qualität, verschlüsselte Übertragung, Software, die die gesetzlichen Aufzeichnungsanforderungen erfüllt.

Kann ein IT-Dienstleister ohne Notariats-Spezialisierung ein Notariat betreuen? Die IT-Infrastruktur ja. Server, Netzwerk, Firewall, Backup. Die notariatsspezifischen Komponenten, XNP-Anbindung, Signaturkarten, Zertifikatsmanagement, erfordern Einarbeitung.

Können wir Hardware und Lizenzen über DaPhi beziehen? Ja. Server, Firewalls, Microsoft-Lizenzen, Sicherheitssoftware, Signaturkarten, Kartenterminals. Beschaffung, Konfiguration, Verwaltung.

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